Wie ein Bootcamp meine Arbeit mit KI neu gebootet hat

Ich war kein früher Adopter. Ich habe mit KI gefremdelt. Aber seit Kurzem kann ich der Vorstellung, KI substanziell in mein (Arbeits-)Leben zu integrieren, erstmals auch etwas Positives abgewinnen.

Wie kam es dazu? Kurz: Claude Cowork und das AI Mitarbeiter Bootcamp der AINAUTEN. Hier ist mein Rückblick auf die ersten Wochen.


Und wieder ein holpriger Start

In der AI Automation Community gab es einen gut strukturierten Quick Start Guide für Claude. Damit war das für mich neue Programm super einfach aufzusetzen. Leider bekam ich ein paar Tage lang Cowork nicht zu laufen (wegen einer Virtual Machine Einstellung im BIOS) und konnte bei der ersten Bootcamp-Session nur zuschauen und mitschreiben.

Alleine das war schon augenöffnend mit anzusehen. Eine Kernaussage: „Files over Tools: Macht Euch nicht von bestimmten Tools abhängig.“ Wer eine saubere Struktur und hilfreiche Kontextdateien über sich und seine Arbeit pflegt, kann auch über Wechsel von Tools hinweg produktiv weiterarbeiten, weil der Kontext und das relevante Wissen nicht im Tool steckt, sondern in der eigenen Dateiablage. So konnte ich auch ohne Claude Cowork schon mitmachen und mir eine Dateistruktur anlegen. Dabei war ich zunächst sehr vorsichtig und habe einen eigenen Ordner auf meiner Festplatte neu angelegt, den ich Claude freigeben habe – also eigentlich noch nichts meiner vorhandenen Dateien.

Das Onboarding

Als Cowork dann endlich lief, habe ich die erste Session des Bootcamps noch einmal nachgearbeitet. Mithilfe eines Prompts der AINAUTEN habe ich mich von Claude interviewen lassen. Damit es mich und meine Arbeitsweise kennenlernt.

Mit den Antworten hat Claude persönliche Kontextdateien angelegt, die es in jeder Sitzung als Ausgangsbasis dienen:

  • about-me.md – Persönliches Profil und beruflicher Hintergrund
  • working-preferences.md – Arbeitsweise, Präferenzen, Kommunikationsstil
  • brand-voice.md – Sprachliche Identität für drei Kontexte: PKM/Blog, Lyra institutionell, LinkedIn Expert Content

Die brand-voice.md entstand durch Analyse bestehender Newsletter und E-Mails. Claude sind bei der Analyse meine Vermischung von norddeutschen und österreichischen Ausdrücken aufgefallen und wir haben festgehalten, wie ich damit eigentlich umgehen will.

Parallel dazu wurde die Ordner-Struktur im Workspace weiter aufgebaut. Claude kannte das PARA-System von Tiago Forte, mit dem ich schon davor gearbeitet habe und hat entsprechende Ordner gleich direkt selbst angelegt. Was wo liegt, wie Projektordner heißen, welche Dateien ich wo erwarte. Und eine CLAUDE.md als Einstiegsdatei, die Claude zu Beginn jeder Session liest als Navigationsdokument für den eigenen Workspace.

Und dann ganz schnell produktiv werden

Im Kurs ging es dann weiter, andere Apps mit Claude über Konnektoren zu verknüpfen und ich konnte mir die wichtigsten Mails rausfiltern lassen und Claude hat es immerhin geschafft, eine Einladung in einer Mail in einen Termin im Kalender zu verwandeln. Die Woche drauf haben wir gelernt, wie wir selber Skills für Claude bauen können, damit es selbst Aufgaben ausführen kann, die aus mehreren Schritten bestehen.

Ab der zweiten Woche sprudelten aber auch schon meine eigenen Ideen, wie ich mit Cowork arbeiten könnte. Genau das, was mir bisher immer gefehlt hatte, war plötzlich da. Ansatzpunkte im Alltag, wie ich etwas mit KI besser erledigen könnte.

  • Steuererklärung für 2024: Alle Rechnungen als PDF in einem Ordner, Claude den Auftrag gegeben die relevanten Infos daraus zu extrahieren und in einer Excel zusammenzufassen. Nicht glamourös und einige Fehler zum Nachbessern in der XLS, aber einige händische copy&paste Schritte erspart.
  • Lehrveranstaltung: Das war die erste Session, die ich als richtige Zusammenarbeit erlebt habe. Für den Follow-up Termin in meinem Seminar an der Andrássy Universität Budapest entstanden: ein siebenphasiges Moderations-Drehbuch mit Wortlautvorschlägen und Worst-Case-Szenarien, eine PPT mit 15 Folien im Stil meines bestehenden Seminardecks (Farben, Schriften, Seitenzahlen), und ein Handout mit Selbstdiagnose und Routinen-Designer. Alles auf Basis meiner Materialien. Und anders als zB MS Copilot, der immer vorschlägt aus einer Antwort auch eine Datei zu erstellen und wirklich IMMER kläglich daran scheitert, lagen hier direkt ordentlich designte, fertige ppt und docx Dateien in meinem Projektordner, wo sie hingehören.
  • Nachbereitung Schul-Meeting: In einem Meeting für die Schule haben wir auf einer beschreibbaren Wand händisch dokumentiert und das Ergebnis am Ende abfotografiert. Die drei etwas dunklen Bilder in einen Ordner und Cowork gebeten ein Protokoll daraus zu machen. Es hat selbst darauf hingewiesen, welche Stellen schwer zu lesen waren und die daher unsicher sind. Diese habe ich in ein paar Minuten nachgebessert, aber die Arbeitsersparnis durch die Vorlage war signifikant.
  • Finanzplanung: Aus bestehenden, anonymisierten Dateien mit Vergangenheitsdaten hat Claude eine Finanzplanung für die Zukunft gemacht. Ruckzuck, fertiges Excel mit vier Tabellenblättern, miteinander verknüpft, drei Alternativszenarien. Ich wollte noch ein Dashboard haben, habe zwei nötige Korrekturen an Zahlen angemerkt und dass eine Komponente fehlte. Und kurze Zeit später hatte ich eine Version 2, jetzt auch mit einem schönen Dashboard, um gleich die Auswirkungen zu sehen, wenn ich mit einzelnen Zahlen herumspiele.

Das waren nur die beeindruckendsten Anwendungsfälle der ersten Wochen. Einige Ideen für Aufgaben, die während der Arbeit entstanden sind, hat sich Claude schon vorgemerkt. Auch schreibt er sich Updates am Ende der Sessions, um nachvollziehbar zu halten, was getan wurde.

Die Meta-Ebene

Irgendwann merkt man, dass man nicht nur mit dem Werkzeug arbeitet, sondern auch über das Werkzeug nachdenkt.

Zwei Sessions haben sich meinem PKM-System selbst gewidmet. Wir haben meinen Zettelkasten analysiert (Struktur, Verknüpfungsdichte, Lücken) und ein Dokument über Systemkonventionen geschrieben, das festhält, wie Notes benannt werden, wann ein Projekt ein Projekt ist und wann es eine Area wird, und wie der Weekly-Review-Zyklus aussehen soll. Aber dazu später noch einmal mehr…

Und die letzte Session, die ich hier erwähnen will, war die ungewöhnlichste.

Ich habe Claude gebeten ein Interview zu führen mit mir und Claude Cowork über die ersten Wochen unserer Zusammenarbeit. Klingt schizophren – die Rollenteilung hat aber erstaunlich gut funktioniert. Und es war eine wirklich nachdenkliche Reflexion über mich und meine Mensch-KI-Interaktion.

Den daraus von Claude als Interviewer erstellten Artikel findet ihr bereits hier als Gastbeitrag.

Meine eigene Rekapitulation des Gesprächs folgt in Kürze…

Fazit: Was ich bisher gelernt habe

Drei Beobachtungen, die mir wichtig erscheinen:

Files over Tools. Auch wenn ich mich wiederhole: das war ein wirklicher Perspektivenwechsel für mich. Ich habe bisher eigentlich nichts in Claude hochgeladen. Die nötigen Kontextinformationen liegen als lokale Dateien. Die Ordnerstruktur habe ich mich Cowork zusammen aufgebaut und es arbeitet direkt in den Ordnern und Dateien. Und diese Ordner und Dateien bleiben mir erhalten – unabhängig von Claude. Die Arbeit führt nicht nur zu „Content“ als Ergebnis. Die Arbeit führt gleichzeitig auch zu einer strukturierteren Form der Arbeit und entwickelt diese Struktur permanent weiter.

Kontext ist Kapital. Die drei Kontextdateien, die am Anfang entstanden sind, sind die wichtigste Investition dieser ganzen Phase. Jede Session profitiert davon. Der Aufwand war einmalig, der Nutzen wächst mit der Zeit stetig an.

Das Modell denkt auch mit. An mehreren Stellen hat mich Claude auf Lücken hingewiesen, die ich übersehen hätte. Und ganz ohne Prompt von mir – es kam aus dem Zusammenhang und war eigentlich immer passend und hat einen Mehrwert geliefert.


Disclaimer: Dieser Artikel entstand auf Basis einer Auswertung von Claude Cowork über das, was ich bisher mit Cowork gemacht habe. Einzelne Teile des Beitrags habe ich aus dieser Auswertung übernommen, der Großteil ist aber von mir selbst geschrieben.

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